Hier geht es zum Archiv und zur Ausgabe Nr. 94 des Wiehre-Journals; Artikel: "Wo Myhten zum Gedenken aufrufen". Der Artikel befindet sich auf den Seite 12

Wo Mythen zu Gedenken werden – Die Langemarckstraße in der Unterwiehre
Das Freiburger Stadtarchiv ist umgezogen und präsentiert in seiner allerersten Ausstellung mit dem Titel: „Langemarckstraßen – in Freiburg und anderswo“ in den Räumlichkeiten am Neuen Messplatz 5a gleich eine Besonderheit, vor allem für die Bewohner*innen der Freiburger Unterwiehre „Westlich der Merzhauser Straße“.
Die Quartiersarbeit Unterwiehre war zur Eröffnung der Ausstellung am 25.02.2026 vor Ort und legt nicht nur allen Bewohner*innen der Langemarckstraße den Besuch sehr ans Herz. Gleich am Eck der Gebäude der FWTM am Neuen Messplatz befindet sich im Eingangsbereich des Stadtarchives der Ausstellungsraum der auf den ersten Blick etwas klein erscheint, aber lassen Sie sich von der räumlichen Erscheinung nicht täuschen, denn die Inhalte der Ausstellungsgegenstände haben es in sich. Neben Exponaten aus dem Freiburger Stadtarchiv wie Originaldokumente aus dem Schriftverkehr von 1932 zwischen dem damaligen Oberbürgermeister Franz Kerber und dem Schriftsteller Wilhelm Kotzde-Kottenrodt, welcher maßgeblich für den Benennungsprozess im Quartier verantwortlich ist, finden sich Aktionsplakate aus den 90’er Jahren sowie Informationen zur Entstehung des Quartiers Unterwiehre.
Wie es zu der Ausstellung gekommen ist und warum es sich um eine Wanderausstellung handelt, erzählen die beiden Verantwortlichen des Stadtarchives Freiburg, Frau Dr.in Djabbarpour und Herr Dr. Hoffmann zu Beginn der Eröffnungsfeier. Ausgangspunkt ist das Projekt „A street called Langemarck“ der Gemeinde Langemarck-Poelkapelle; dass „In Flandern Fields Museum“ in Ypern sowie das „Centre for History of War, Media and Society“ in Kent. Von diesen Stellen aus begann der Prozess der Zusammenarbeit und der aktuellen Rollup-Wanderausstellung. „Rollups“, ist die Bezeichnung für die Informationsschriften der Ausstellung, welche in Rollenformat an den dafür vorgesehen Aufstellern präsentiert werden.
In insgesamt 32 deutschen Städten gibt es eine Langemarckstraße. Das Besondere der Wanderausstellung ist, dass jede Stadt und jede Gemeinde die teilnimmt, die Ausstellung mit ihrer ganz eigenen Geschichte ergänzt. Das Stadtarchiv Freiburg hat dafür drei weitere Rollups und zwei Vitrinen beigetragen. In einer wird auch der „Mythos Langemarck“ sehr deutlich.
Das Thema Straßennamen im ehemals sog. „Heldenviertel“-Unterwiehre hat Tradition und das auch wider dem Vergessen. Bereits 1996 gab es eine erste Initiative, welche unter dem Titel: „Die Helden stellen sich vor“ die Straßennamen im Quartier den damaligen Bewohner*innen zur Diskussion gestellt hatten. Die Meinungen innerhalb des Quartiers waren geteilt, weiter geschah darüber hinaus nichts.
Im Jahr 2001 wurde erneut eine Umbenennung gefordert, doch mit dem Hinweis, dass Straßennamen „Denkmale geschichtlichen Wandels“ seien, erneut abgelehnt. Von der Stadtverwaltung wurden daraufhin aber sog. „Legendenschilder“ an den Straßenschildern angebracht, welche den Hintergrund der Straßennamen historisch beleuchteten, was im neuen Sprachgebrauch als „Umwidmung oder Uminterpretierung“ geführt wird. Im selben Jahr noch wurden diese „Zusatz-/Legendenschildern“ allerdings auf Wunsch der damaligen Bewohner*innen wieder entfernt.
2016 stand durch die Kommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen auch in der Unterwiehre zumindest ein Straßenname zur Diskussion. Die damalige „Gallwitzstraße“ wurde zur
heutigen „Matthias-Erzberger-Straße“. Seither ziert ein Zusatzschild mit der Information, wie die Straße vorher hieß und warum sie umbenannt wurde, das neue Straßenschild.
Weitere Straßennamen im Quartier sollten, wie schon 2001, mit einem Legenden-/Zusatzschild ausgewiesen werden. Mit dem Ziel, die bestehenden Straßennamen dem, Zitat: „Gedenken der Opfer und der Kriegsverluste statt [der] Feier von Helden und Kriegsmythen“ darzustellen. Die Empfehlung der Kommission zur Uminterpretierung bzw. Umwidmung der Straßennamen ist bis heute nicht weiterverfolgt worden.
Zum Weltfrauentag 2019 beschäftigte sich dann eine kreative anonyme Gruppe erneut mit dem Thema und benannte über Nacht die Straßen mit Namen aus der Heldenwelt der fiktiven Graphic Novels wie zum Beispiel: „Captain-Marvel-Straße“, „Supergirl-Straße“, „Sailer-Moon-Straße“ oder „Prinzessin-Leia-Straße“. Diese Straßennamen wurden tags drauf offiziell entfernt, erzeugten aber kurzzeitig einen interessanten Diskurs innerhalb der Bewohner*innenschaft. Bisher gibt es deutschlandweit einzig in Schwarzenbach an der Saale (Bayern) eine „Donald-Duck-Straße“, aber keine andere Stadt besitzt einen flächendeckend nach Graphic-Novel Helden benannten Stadtteil.
Im Oktober 2025 waren dann bei der OB vor Ort-Unterwiehre Veranstaltung die Straßennamen des Quartiers erneut Thema von Bewohner*innen. Aus Sicht der Quartiersarbeit verständlich, da in den letzten Jahren viele neue Bewohner*innen in die Unterwiehre „WdM“ gezogen sind, welche somit auch eine erneute Diskussionsgrundlage über ein, man könnte schon sagen, klassisches und stets zentrales Thema im Stadtteil darstellen und ermöglichen.
Auf dieser Grundlage hat die Quartiersarbeit Unterwiehre bei der Eröffnungsfeier das Stadtarchiv herzlich dazu eingeladen, aus aktuellem Anlass der Ausstellung, das Thema gemeinsam ins Quartier zu tragen, um ein neues Stimmungsbild in Erfahrungen zu bringen.
Das Stadtarchiv sowie das Kulturamt Freiburg war nicht abgeneigt und man ist aktuell im Austausch darüber, wie eine solche Abendveranstaltung aussehen und welche Ziele damit verbunden sein könnten.

Die Ausstellung „Langemarckstraßen – in Freiburg und anderswo“ läuft noch bis zum 19.06.2026. Öffentliche Führungen sind jeden Mittwoch um 15.00 Uhr. Anschauen kann man die Ausstellung aber auch zu den Öffnungszeiten des Stadtarchives: Mo., Di., Do. von 10-16 Uhr sowie Mi. von 10-18 Uhr.

Von: Ingo Heckwolf Quartierbüro Unterwiehre „Westlich der Merzhauser Straße